Liebe Schülerinnen und Schüler, Liebe Kolleginnen und Kollegen, Liebe Eltern,
am kommenden Sonntag ist der vierte Advent, am kommenden Mittwoch Heiligabend. Weihnachten. Das Jahr geht zu Ende. Wir machen uns klein, unsere Familien werden zusammen-, und zusammen zur Ruhe kommen, wir werden gemeinsam die Geburt Jesu Christi feiern – und ich freue mich sehr, dass uns Laura später diese Geburt Jesu Christi, also: die Weihnachtsgeschichte, nach dem Evangelium des Lukas hier lesen wird. Mit Jesus Christus ist uns der im Alten Testament verheißene „Friedensfürst“ erschienen – arm an materiellen Gütern, aber reich an Gaben wird er im Stall zu Bethlehem geboren. Diese Geburt wird uns in der kommenden Woche Anlass sein, unsere Tafeln – und unsere Geschenktische – zu füllen, womöglich: zu beladen, womöglich: zu überladen. Die seinen waren es sicher nicht. Sein Leben beginnt in Armut.
Dieser Tage, nachdem ich eine der aktuellen Pflichtlektüren unterrichtet, nachdem ich über soziale Ungleichheit (also: über Armut) gesprochen habe, die in diesem Land – wir alle wissen es – eng an ungleiche Bildungschancen gekoppelt ist, verwickelt mich einer unserer Abiturienten in ein Gespräch: Er glaube, dass die Welt, in der wir leben, die Gesellschaft, in der wir leben, Ungleichheiten wolle, Ungleichheiten forciere, Ungleichheiten zementiere. Vor mir steht die Revolution. Der Sturm und Drang. Die Kraft der Jugend. Ich fühle mich alt. Ich bin das Establishment. Der junge Goethe hätte mich als Spießer karikiert, der junge Büchner mich als Stütze des Systems bekämpft, der junge Brecht mich schlicht verspottet. Für echte Hippies, für echte Rapper sind Lehrer eine wunderbare Reibungsfläche. Natürlich glaube ich nicht, dass die Gesellschaft, in der wir leben, Ungleichheit per Gesetz und Dekret forciert, gar: zementiert. Aber der Einspruch macht mich nachdenklich. Er beschäftigt mich seitdem. Denn die strukturellen Fehler und Fehlentwicklungen in nahezu allen Gesellschaften dieser Erde (nicht nur den westlichen) sind kaum zu übersehen, sie sind evident wie eh und je.
Wie immer suche ich Antworten in Büchern. Auf meinem Schreibtisch liegt – tatsächlich zufällig, oder besser: aus eigentlich ganz anderen Gründen – ein berühmter, einst bahnbrechender (in der Zwischenzeit in die Jahre gekommener und doch erstaunlich aktuell gebliebener) Essay des Soziologen, Psychologen und Philosophen Erich Fromm. Dessen Titel lautet: Haben oder Sein. (Pause). Haben oder Sein. Hier die ersten Sätze:
„Die Alternative Haben oder Sein leuchtet dem gesunden Menschenverstand nicht ein. Haben, so scheint es uns, ist etwas ganz Normales im Leben; um leben zu können, müssen wir Dinge haben (…). In einer Gesellschaft, in der es das oberste Ziel ist, zu haben und immer mehr zu haben, in der man davon spricht, ein Mann sei „eine Million wert“: Wie kann es da eine Alternative zwischen Haben und Sein geben? Es scheint im Gegenteil so, als bestehe das eigentliche Wesen des Seins im Haben, so dass nichts ist, wer nichts hat.“
Fromm weist im Folgenden darauf hin, dass alle großen Meister des Denkens und des Lebens in der Alternative zwischen Haben und Sein den Kern ihrer jeweiligen Anschauungen gesucht und gesehen hätten: Buddha lehre, dass wer die höchste Stufe der menschlichen Entwicklung erreichen wolle, nicht unreflektiert nach Besitz streben dürfe. Jesus Christus sagt: „Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es retten. Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, (Pause) sich selbst aber verliert?“
Der Essay würde meinem Abiturienten gefallen: auf 200 Seiten entwickelt Fromm das Bild einer Gesellschaft, die nach den falschen Prämissen lebt, und diese falschen Prämissen zugleich strukturell schützt. Beständiger wirtschaftlicher Fortschritt, beständig wachsender Konsum, beständig künstlich erzeugte Kaufzwänge stehen über dem seelischen Wohl der Menschen, Ungleichheiten werden in Kauf genommen, die Natur ausgebeutet, die Schere zwischen armen und reichen Menschen als beständig größer werdend in Kauf genommen. Das alles mag heute, 50 Jahre nach dem ersten Erscheinen, anachronistisch wirken. Etwas sehr klassenkämpferisch. Etwas sehr sozialromantisch. Aktuell ist es dennoch. Denn damals wie heute scheinen die Kompassnadeln aller Gesellschaften nach Profit ausgerichtet zu sein. Und diese Ausrichtung sorgt – auch heute und immer noch – für soziale Ungleichheiten.
Wie also dem begegnen? Wie das Sein stärken gegen das Haben? Ich bin Lehrer. Aus Überzeugung kann ich keine andere, werde ich also immer diese Antwort geben: Bildung stärkt unser Sein. Bildung befähigt uns zu sein. Zugegeben: Bildung befähigt uns auch, zu haben. Aber vor allem versetzt uns Bildung in die Lage, unsere Existenz nicht unkritisch allein auf das Haben auszurichten, sondern das Sein als den Kern unserer Existenz zu erkennen und anzunehmen. Die Kolping Bildung Heilbronn-Franken steht für eine solche Bildung, die das Sein in den Fokus rückt: Im Mittelpunkt steht der Mensch. So lautet der Kern unseres Wertekatalogs. Flankiert wird er von Werten wie Verantwortung, Zuverlässigkeit, Toleranz, Unterstützung, Wertschätzung, um nur einige zu nennen. Keiner dieser Werte – Keiner – zielt auf das Haben. Keiner dieser Werte zielt auf ein Denken, dass zu strukturellen Ungleichheiten führt. Im Gegenteil: Aus Überzeugung rücken wir an allen unseren Schulen das Sein in den Mittelpunkt unserer Bildung, rücken wir Menschen in den Mittelpunkt – und die Beziehungen, die wir zu diesen Menschen aufbauen und führen. Toleranz, Unterstützung, Wertschätzung sind per se Begriffe, die über den Tellerrand des eigenen Ichs hinaus auf andere Menschen gerichtet sind, die auf Bindung, auf Verbindung zielen. Toleranz, Unterstützung, Wertschätzung bringe ich anderen Menschen entgegen. Ein Leben, das das Haben in den Mittelpunkt rückt, zielt nur und ausschließlich auf sich selbst. Ein Leben, das das Sein in den Mittelpunkt rückt, zielt auf ein Miteinander, ein Füreinander. Ein gelingendes Leben lebt das Sein – nicht das Haben.
Ich bin nicht sicher, ob mein Abiturient sich mit einer solchen Erklärung zufriedengibt, gar: ob sie ihn überzeugt. Haben wir die Zeit, auf mehr Sein und auf weniger Haben zu setzen? Verändert unsere Haltung wirklich bestehende strukturelle Unzulänglichkeiten? In Brechts Gutem Menschen von Sezuan heißt es im Epilog: „Und wieder einmal sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Jenseits der Tatsache, dass offene Fragen allemal spannender sind als fertige Antworten, bleibt mein Abiturient wohl eher skeptisch. Und das ist das Vorrecht seiner Jugend.
Ich schließe an dieser Stelle den Vorhang für dieses Kalenderjahr: Ich wünsche uns allen friedliche und friedvolle Weihnachten, ich wünsche uns allen ruhige Tage zwischen den Jahren, ich wünsche uns allen einen – je nach Vorhaben – entspannten oder spektakulären Rutsch in das neue Jahr 2026, von dem ich mir wünsche, dass wir unser Sein mehr zu unserem Mittelpunkt machen als unser Haben und von dem ich mir wünsche, dass wir alle gemeinsam auch in Zukunft an den Werten festhalten, die uns verbinden. In etwas mehr als zwei ½ Wochen freue ich mich darauf, euch alle, Sie alle, gesund wiederzusehen. Bis dahin wünsche ich uns allen von Herzen: Frohe Weihnachten.
Text: HB











